Montag, 20. August 2012

Outsourcing des Burnout-Problems


Arbeitgeberverband Gesamtmetall veröffentlicht
merkwürdige Haltung zu Burnout



Leserinnen und Leser meines Burnout-Blogs wissen, dass ich mich mit frontalen Angriffen zurückhalte. Nicht nur weil sie unschön sind, sondern auch weil das Internet voll von Menschen ist, die ihre Kenntnisse von Gesetzeslücken oder Gerichtsurteilen dazu nutzen Gewinne aus ehrlichen Absichten von Unternehmern und Freiberuflern zu schlagen, die eigentlich nur informieren oder ihre Sicht der Dinge darstellen wollen.
 
Heute will ich eine Ausnahme machen. Ich mache sie, weil es niemand geringeres als den Arbeitgeberverband Gesamtmetall betrifft. Als Unternehmensberater ist das zugegebenermaßen mutig. Immerhin umfassen meine potentiellen Kunden auch die Mitglieder bei Gesamtmetall.

Aber ich erwarte gerade von Unternehmern und demzufolge von Arbeitgebern eben mehr als bloßes Management. Dies habe ich schon in meiner Zeit als Angestellter getan. Ich erwarte Führung und Übernahme von Verantwortung. Und von einem Verband, der die Arbeitgeber einer für Deutschland so wichtigen Branche wie der Metall- und Elektro-Industrie vertritt, erwarte ich besonders viel, weil deren Wohlfahrt auf Grund ihrer Größe einen Einfluss auf die Wohlfahrt in unserer gesamten Volkswirtschaft mithin der gesamten Gesellschaft hat.

Mit dem Interview, welches Dr. Falk-Gerald Reichel, Leiter der Abteilung Arbeitspolitik in der Nordwest Zeitung zum Thema Burnout gegeben hat, sehe ich diese gesellschaftliche Aufgabe in gröbster Weise verletzt. Die selbstverständliche Pflicht zur Übernahme von Verantwortung durch Unternehmer, Unternehmen, Vorstände, Manager und Geschäftsführer wird aus meiner Sicht in fahrlässiger Weise unterlaufen. Da das Interview auch auf den Seiten desArbeitgeberverbands Gesamtmetall wiedergegeben ist, gehe ich davon aus, dass das Interview so tatsächlich stattgefunden hat. Somit schließe ich eine Fehlinterpretation der im Interview gemachten Aussagen bei dessen Wiedergabe durch die Nordwest Zeitung ebenfalls aus.

Was mich nun in gewohnt leidenschaftlicher Form umgangssprachlich ausgedrückt auf die Palme bringt?

Es ist das Outsourcing des Burnout-Problems!

Sie wissen was Outsourcing ist? Falls nein hier die kurze Erklärung: Outsourcing ist ein Vorgang bei dem ein Unternehmen die Herstellung eines Produktes, einer Dienstleistung oder eines Bauteils bzw. einer Baugruppe, welche für die Erstellung der eigenen Leitung benötigt wird, nicht mehr selbst übernimmt, sondern an ein anderes Unternehmen abgibt. Die Quelle (engl.: source) wird von innen nach außen verlagert, wodurch eine Zulieferfunktion entsteht. Und nicht weniger tut der Leiter der Abteilung Arbeitspolitik bei Gesamtmetall mit dem Thema Burnout, bzw. den Ursachen für Burnout. Er lagert sie aus den Unternehmen seines Verbandes großzügig aus.

Lachen sie jetzt nicht, aber wenn Sie den vorstehend verlinkten Artikel lesen, so steht dort: „Bei uns in der Metall- und Elektroindustrie sind die Mitarbeiter aufs Jahr gesehen rund 82 Prozent ihrer Zeit außerhalb des Betriebs. Das allein macht klar, dass auch ein Großteil der Quellen für Burnout-Symptome im Freizeitbereich zu suchen sind.“

Lesen Sie es ruhig zweimal, dreimal oder viermal. Es wird sich nichts an der Aussage ändern. Weil Menschen ihre Zeit nicht nur am Arbeitsplatz verbringen, sondern z.B. zu Hause schlafen, essen, trinken, zur Arbeit pendeln, ist klar, dass die Ursachen für Burnout einen Großteil der Quellen im Freizeitbereich haben. Ist das wirklich klar?

Nach der Logik des Leiters der Abteilung Arbeitspolitik bei Gesamtmetall, müsste also die Zahl der Burnoutfälle sinken, wenn die Menschen weniger Freizeit hätten, bzw. mehr Zeit am Arbeitsplatz verbringen würden, wo sich ja zumindest weniger Quellen für Burnout finden, als im häuslichen Schoße der Familie, unter Verwandten, Freunden und Bekannten.

Ich kann, will und werde nicht ausschließen, dass diese Ansicht von Herrn Dr. Reichel durch die Beobachtung seines eigenen Lebens gedeckt ist. Er hätte dann, ungeachtet der Sträflichkeit, die ich seiner Aussage zubillige, mein persönliches und menschliches Mitgefühl. Selbst vormals von Burnout betroffen, weiß ich wie schlimm dies für einen Menschen ist und er könnte sich meiner besten Wünsche für seinen weiteren Weg gewiss sein.

Aber dies würde nichts an der völligen Unhaltbarkeit der Kausalität ändern, die der Leiter der Abteilung Arbeitspolitik bei Gesamtmetall versucht herzustellen. Gewiss, die Überschrift des Interviews mag suggerieren, dass es inhaltlich nur um eine Relativierung der Ursachen geht, dass also nicht nur Faktoren der Arbeitswelt zu Burnout bei Menschen führen. Es hat m.W. nach aber auch nie jemand behauptet, dass Burnout nur durch Arbeit verursacht werden könnte oder würde. Eine Relativierung erübrigt sich somit.

Es kann dem Interviewten aus meiner Sicht aber auch nicht um eine Relativierung gegangen sein. Die Frage: Ist die Arbeit der wichtigste Burnout-Auslöser?“, wird im ersten Satz mit einem einzigen Wort beantwortet, einem Nein. Nein, Punkt aus Ende. Ok, wie im verlinkten Interview nachzulesen kommt es dann zum Aufruf nach mehr Forschung. Aber eben auch die vorstehende zitierte Aussage zur Hauptursachenquelle wird gemacht, zur Untermauerung dieses Neins.

Doch wieso diese Verleugnung von Verantwortung? Wieso dieses Outsourcing, zumal ja das Ergebnis, der psychisch belastete Mitarbeiter bzw. die psychisch belastete Mitarbeiterin ja ohnehin früher oder später im Betrieb erscheinen wird, wie eben auch ein in der Fertigung ausgelagertes Teil oder eine Baugruppe?

Und weil Interviews wie dieses m.E. nicht einfach so zwischen Tür und Angel gegeben werden, drängt sich mir ein böser Verdacht auf, eine ungute Vorahnung von dem, was passieren kann: Menschen mit Burnout könnten zum Politikum der Tarifvertragsparteien werden! Ja das gesamte Gesundheitsthema Burnout, oder allgemein psychische Belastungen am Arbeitsplatz könnten zum Politikum werden!

Lesen Sie meinen ganzen Blog-Beitrag "Outsourcing des Burnout-Problems" auf www.burnout-unternehmensberatung.de.

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