Mittwoch, 25. Juli 2012

Burnout - Wenn der Vertrieb ausbrennt

Die Schnittstelle zum Kunden droht zum Großbrand zu werden

Der Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Darmstadt hat zum dritten Mal in Folge eine Studie zu Konflikten im Kundenkontakt vorgelegt. Mit reichlich PR unterstützt und beachtenswerten Ergebnissen hat er die Heerschaar der Journalisten dazu gebracht, dass Problem von Konflikten zwischen Anbietern und Nachfragern unter die Lupe zu nehmen. Es mag aber auch einfach ein Zeichen unserer Zeit sein, dass zeitnah Meldungen und Artikel in der Presse erscheinen, in denen es um Konflikte geht zwischen Unternehmen und Behörden einerseits und Kunden andererseits geht - Schnittstellenkonflikte.

Dort wo Unternehmen oder der Öffentliche Dienst auf Kunden oder Bürger treffen, persönlich, über Online Medien oder ganz klassisch Telefon und Brief dort finden wir eine Schnittstelle. Neudeutsch auch als „Point of Sale“ oder trefflicher als „Point of Contact“ oder „Point of Interaction“ bezeichnet ist diese Schnittstelle ein Ort, an dem die Erwartungen des Kunden auf das Unternehmen mit seinen geplanten Schnittstellenzielen einerseits und dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin, mit dem Auftrag diese umzusetzen treffen. Kundenerwartungen sind nicht nur rein ökonomischer Natur. Insbesondere bei Kommunikationsproblemen, Beschwerden oder auseinanderfallender Wahrnehmung der Situation sind diese Erwartungen auch stark von emotionalen und psychischen Faktoren abhängig. Dazu gehören Respekt, das Gerechtigkeitsempfinden aber auch ganz allgemeine Gefühle wie die empfundene Wertschätzung oder die eigene Wirkmächtigkeit in der Beziehung. Diese emotionalen Faktoren, welche hier eine Rolle spielen, werden nicht nur aus der Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen gespeist. Sie werden auch aus deren allgemeinen Leben gespeichert und den Konflikten die dort bestanden oder bestehen.

Und auch das Unternehmen ist nicht frei von Emotionen. Der Mensch im Kundenkontakt ist mit einem ganz persönlichen Gerechtigkeitsgefühl ausgestattet, individuellen Einstellungen, Erfahrungen und durchlebt wie der Kunde Konflikte. Zusätzlich hat er oder sie allgemeingültige Arbeitsanweisungen, die mitunter bereits im Konflikt mit der eigenen Meinung oder dem eigenen Empfinden stehen können. Bisher vertreten Unternehmen weitgehend die Ansicht, dass Beschäftigte dafür bezahlt werden in ihrer Arbeitszeit eben das zu tun, zu denken was das Unternehmen oder ihre Vorgesetzten und Manager anweisen. Eine Sichtweise die an das Märchen „Das steinerne Herz“ erinnert.

Das dem Gedanken innenwohnende tayloristische Prinzip der Unternehmensabläufe, welches über 100 Jahre alt ist und auf militärischen Führungsprinzipien der Kolonialzeit Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts beruht, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher noch verfestigt. Charlie Chaplin hat ihm im Film „Moderne Zeiten“ früh ein Denkmal gesetzt. Doch der Mensch als funktionierendes Rad in einer gut geölten und Gewinne produzierenden Maschine passt nicht in die Gegenwart noch weniger in die Zukunft.

In einer Zeit in der Werbung unablässig persönliche Freiheit und die Verwirklichung eigener, individueller Wünsche und Träume propagiert, kann der Mensch am Arbeitsplatz nicht einfach einen Hebel umlegen und vom Cowboy zum Zahnrad werden, von der Poetin zum Antriebsriemen. Gewiss werden sich immer Menschen finden, die für ein hinreichend hohes Gehalt und damit einhergehende Versprechen allen Anweisungen folgen, egal wie unmoralisch, unethisch oder kriminell diese sein mögen. Egal ob die Manipulation des Libor durch Banken, die Verstöße der HSBC in den USA welche ersten Anzeichen nach Drogenhändlern und Terroristen Geldwäsche erlaubten oder einfach nur der Vertriebsmitarbeiter der alten Rentner-Ehepaaren noch kurz vor der Finanzkrise 2008 Papiere der Großbank Lehman Brothers als sichere Anlage für das Altersvermögen verkaufte, weil es so angewiesen war. Sklavischen Gehorsam für Geld wird es immer geben.

Das bezieht sich nicht nur auf den Bankensektor. In der Online-Welt setzen zahllose Unternehmen auf das bewusste Heranziehen von Spielsüchtigen bei Internet-Spielen. Persönliche Chat-Texte werden bei facebook analysiert und gespeichert. Software die nach dem 11. September 2001 entwickelt wurde ist die Quelle, aus der die Fähigkeit zur Analyse und Erstellung psychografischer Merkmale von Nutzern Sozialer Netzwerke gespeist wird. Vor zehn Jahren weitgehend unvorstellbar, können heute unglaublich große Datenmengen leicht verarbeitet werden. Und auch hier finden sich Programmierer, um die Berechnung der maximalen ökonomischen Nutzbarkeit des Kunden umzusetzen bis hin zum Bankrott des Spielers, dessen Kreditkarte rechtzeitig nicht mehr akzeptiert wird.

Aber Geld ist nicht alles im Leben, war es noch nie. Der Wertewandel der globalen Gesellschaft schreitet voran. Jungendstudien in Deutschland zeigen, dass iPhone, iPad oder andere technische Gadgets das Auto als Statussymbol längst abgelöst haben. Auch Einkommen und Karrierestufe sind nicht mehr die einzigen Werte, nach denen Menschen streben. Sie waren es im Grunde genommen nie, auch wenn die in Marketing und Personallehre immer wieder herangezogene Maslowsche Bedürfnispyramide ihre Tücken haben mag. Der Mensch lebt nicht nur für Geldeinkommen alleine und heute weniger denn je, für einen käuflichen Status im Sinne von materieller Bewunderung. Fast möchte man sich an Kurfürst Friedrich III. von Sachsen erinnert fühlen, der sich einst von seiner Sammlung von Reliquien trennte, wenn ein Blick auf junge motivierte Menschen und Leistungsträger geworfen wird.

Minimalismus in Lebensstil und Webdesign sind nur einige der Ausdrucksformen, eines sich grundlegend wandelnden Wertebewusstseins. Die arabischen Völker inspirieren mit Ihrem Kampf und Ihrer Opferbereitschaft Freiheit zu erlangen, Freiheit von der Bevormundung durch einzelne Despoten oder Herrschaftshäuser ist eine Weitere. Wie in der Renaissance, wie in der Aufklärung dürstet es den Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach mehr Freiheit und Selbstverwirklichung. Wer es 1985 und 1990 nicht bei John Naisbitt nachgelesen hatte konnte es 2001 nochmals tun.

Doch gelesen wurde er nicht oder eben nicht daraus gelernt. Denn dem vorbenannten Streben gegenüber steht der Alltag. In ihm erleben sich immer weitere Teile der Bevölkerung als nicht mehr wirkmächtig. Egal ob sie durch Arbeitslosigkeit aus dem Erwerbsprozess gefallen sind oder als Arbeiter und Angestellte mit und ohne Führungsaufgaben ihr Einkommen erwerben, ihr Handlungsrahmen und ihre Freiheit sind immer mehr begrenzt. Das ist unter anderem eine Folge von Planungsprozessen und Controlling in Unternehmen. Es geht weniger darum den Markt zu erobern oder dem Kunden zu dienen, sondern die Planzahlen zu erreichen. Wie in der Zentralplanwirtschaft der „DDR“ gibt es eine Belohnung, wenn die Planziele erreicht oder das Plansoll übererfüllt wurde. Ist der Plan erreicht, sind vermeintlich die Unternehmensziele erreicht. Was dem Ganzen dient ist auch im Teil richtig?

Zentralplanwirtschaft hatte als volkswirtschaftliches Modell keinen Bestand. Unternehmen die in Märkten agieren und dabei nicht durch staatliche Eingriffe geschützt oder finanziert werden haben ebenso keine Chance mit Hilfe zentraler Planwirtschaft am Markt langfristig zu überleben. Ihre maximale Hoffnung kann die einer Fusion sein. Warum in Unternehmen gerade in der Zeit nachdem die zentrale Planwirtschaft ihre Untauglichkeit bewiesen hatte, genau diese Steuerungsform in Unternehmen in Mode kam, vermag ich bis heute nicht zu verstehen. Es war vermutlich die Sehnsucht nach Stabilität. In den Umbrüchen der 1990er Jahre mit dem zweiten Anlauf Chinas zur Weltmacht und dem Zerfall alter Ströme von Kapital und Waren zugunsten neuer Konstellationen erschien Stabilität erstrebenswert. Doch es ist die Natur „der Wirtschaft“ nicht vorhersagbar zu sein. Ihre Entwicklung ist unbestimmt und die des Kunden und der Kundenbeziehung ist es, angesichts der endlosen Kommunikationsversuche mit diesem von allen Seiten, inzwischen allemal.

Und jetzt? Soviel Text un kein einziges Mal das Wort Burnout? Wo so könnten Sie fragen, soll da jetzt in alledem eine Ursache von Burnout sein? Wo soll sich der Konflikt mit dem Kunden manifestieren, den die Überschrift verheißt? Und womit soll der Vertrieb in Unternehmen nun ein Problem bekommen?

Die Antwort ist schlicht und ergreifend: Überall. Wer es nicht erkennt, sollte noch einmal genau hinsehen, nachlesen oder sich externe Hilfe suchen. Denn die Folgen all dessen, was ich aufgezählt habe sind - vorsichtig ausgedrückt - extrem.

Lesen Sie den ganzen Beitrag "Burnout - Wenn der Vertrieb ausbrennt" auf www.burnout-unternehmensberatung.de

Montag, 16. Juli 2012

Von der Gründung zum Burnout?


Mit Ethik gegen Burnout im eigenen Start-Up


Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit als Referent in einem Workshop zum Thema „Burnout und Work-Life-Balance“ bei der „Langen Nacht der Gründer“ der Dualen Hochschule in Karlsruhe aufzutreten. Selbst ja einmal Gründer, ist es für mich als vormals selbst von Burn-Out Betroffenem ein ganz eigenes Gefühl vor einer solchen Gruppe als Referent von meinem eigenen Weg in den Burnout hinein, hindurch und daraus hinaus zu berichten. Es lässt sich dabei kaum vermeiden, dass man versucht zu viele Informationen zu transportieren. Es ist natürlich besonders gut sein zu wollen. Und es lässt sich nicht vermeiden, einige offene Fragen zu hinterlassen.

Die Frage, welche am Schwersten zu beantworten ist: Woran merke ich es eigentlich, das ich mich auf dem Weg in den Burnout befinde? Denn wer so richtig in die Arbeit und das Leben (gleichgesetzt mit Arbeit) vertieft ist, der oder die findet in jedem Falle immer eine gute, ja sogar eine sehr gute Erklärung, warum sich gerade etwas am allgemeinen körperlichen Befinden geändert hat. Stress ist eine wunderbare und positiver Weise auch ganz unmedizinische Erklärung für einen Magen, der sich meldet, einen gereizten Hals oder die allenthalben bekannten Kopfschmerzen. In jedem Fall geht es mit unvermindertem Einsatz weiter. Die eigene Firma ruft, die eigene Idee schreien geradezu nach Selbstbestätigung und im Zweifel müssen auch schon die ersten Beschäftigten in Lohn und Brot gehalten, Rechnungen bezahlt und Kunden gewonnen werden. Im Alltag gibt es kein keinen Platz für Ausfälle oder Zeichen von Schwäche. Krankheit haben andere, Gründer und Unternehmer haben Power!

Schwach ist aber in der Realität nur, sich nicht den Ursachen und Auslösern zu stellen, sich und seine Empfindungen zu hinterfragen sondern es bei der erstbesten „Erklärung“ bewenden zu lassen. Sich nicht mit sich selbst auseinander zu setzen ist Schwäche. Alles was in einem ruht oder hochkommt zu unterdrücken ist dagegen ein einfacher und relativ billiger Mechanismus. Er wird sich jedoch tendenziell gegen einen wenden, sobald man sich zu sehr von dem entfernt, was einem am Herzen liegt, egal ob man dies verneint oder nicht. Für das Herz war bekanntermaßen noch nie der Verstand verantwortlich. Der Verstand hilft übergangsweise in Notlagen, aber er kann nicht fortwährend als Argument herhalten. Wir, als gesamtes menschliches System, merken diesen Missbrauch!

Erstaunt hat mich wie viele in der Runde bereits einmal mit „Burnout“ im weitesten Sinne selber zu tun hatten, nicht nur im Verwandten- und Bekanntenkreis, sondern selbst bereits Phasen der Niedergeschlagenheit und des Leistungsabfalls erlebt haben. Direkt Angst vor Burn-Out hat dies nicht erzeugt, aber immerhin Unsicherheit, wenn auch mit der Erfahrung es zumindest bisher ohne Erkrankung, gar eine Depression geschafft zu haben. Ein Burn-Out wird also einkalkuliert als eine Art natürliches Risiko von Unternehmertum. So aber begibt sich der Mensch in die Rolle des Burnout-Opfers, Neudeutsch „Burnout Victims“, eines Opfers, welches es meiner Ansicht nach nicht gibt. Deshalb lehne ich diesen Begriff und alles was mit einem Opfer und Hilflosigkeit bzw. Schwäche im Begriff Burnout zu tun hat ab. Auch ist mir während meiner Zeit in der Klinik nie ein Mensch mit Burnoutsyndrom begegnet, der nicht allgemein oder, vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte, nicht außerordentliches geleitet hätte oder dazu jederzeit im Stande war - vor der Wende im Leben.

Dass ich dann im Workshop sogar Burnout als soziale Kompetenz bezeichne wirkt anfänglich umso befremdlicher auf meine Zuhörerinnen und Zuhörer. Wie kann eine Krankheit Ausdruck von Kompetenz sein und nicht ein Versagen postulieren? Nun einmal ist Burn-Out keine Krankheit im eigentlichen Sinne. Das Burnoutsyndrom ist, allgemein ausgedrückt, ein Zustand vorübergehender Unfähigkeit zur Lebensbewältigung. Das dieses nicht ohne eine entscheidende Erkrankung der Psyche bzw. der Seele eintritt, mag einleuchten. Unfähigkeit als Kompetenz? Zur mehr als zweideutigen Zeugnissprache unserer Tage, passt dies nicht.

Und ich bleibe dabei: Wenn das System Mensch, die Notbremse zieht, ist dies allemal besser, als wenn es zum Zusammenstoß kommt, denn Herzinfarkt und Hirnschlag sind weniger leicht und schadlos überstanden, als ein Burnout mit Depressionen, Angsterscheinungen oder Panikattacken.

Wie schütze ich mich nun vor Burnout? Ist es der regelmäßige Wellness Urlaub in der Anti-Burnout Kurklinik? Muss ich nur genug Bücher dagegen lesen? Stressfrei leben? Keine Arbeit am Wochenende verrichten? Ist es regelmäßiger Sex der hilft oder hat Weihrauch heilende Wirkung?

Die Antwort ist einfach: Sie selbst sind ihr allerbester und im Zweifel ihr einziger ernsthafter Schutz vor Burn-Out. Es geht um Sie, Ihre Ethik, Ihr Verhalten und Ihre Beziehungen zu anderen Menschen, allgemeiner ausgedrückt Ihr Umgang mit diesen. Denn für Gründer mit beschäftigten kommt noch eines hinzu: Die Verantwortung für die Beschäftigten. Sofern diese nicht zur Familie zählen ist es durchaus ein persönliches Wagnis, sich einem Gründer als Arbeitgeber anzuvertrauen, anstatt einem Großkonzern, oder einem etablierten Mittelständler, die normalerweise mit Begriffen wie Sicherheit assoziiert werden.

Gründerinnen und Gründer stehen in Ihren Start-Up Unternehmen also in einem Zwei-Fronten-Krieg. Denn neben der Sorgfaltspflicht für sich selbst kommt jene hinzu, die gegenüber den Beschäftigten zu üben ist, auch wenn diese ganz allgemein eigenverantwortliche und gemeinhin volljährige, rechtsfähige Personen und Persönlichkeiten sein werden. Was hilft, bei der Führung des eigenen Start-Up? Was hilft dem Unternehmer mit einer Geschäftsidee in seiner Rolle als Führungskraft nicht nur seiner Idee sondern auch der Menschen die sich ihm, per Arbeitsvertrag, Werkvertrag oder innerhalb eines Dienstleistungsvertrags, verpflichtet haben?

Auch wenn die Spieltheorie besagt, dass es wirtschaftlich am Effizientesten für zwei Parteien ist sich kooperativ zu verhalten und dies fortgesetzt, um so den größten gemeinsamen nutzen zu erzielen, so ist es doch irgendwie in uns drin, dass wir immer unseren eigenen Vorteil suchen müssen und dass wir solange wir ihn nicht gefunden und realisiert haben, unser Unternehmen nicht maximal erfolgreich ist. Fragt sich nur wieso? Wieso lehnen wir kooperatives Verhalten so sehr ab? Warum lassen wir so selten Nähe zu? Wir entfernen uns, nimmt man die steigenden Zahlen der psychisch erkrankten Menschen in Deutschland als Maßstab, mit zunehmender Geschwindigkeit von unseren eigenen Ichs.

Was also kann uns selbst, kann Gründer, Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer schützen? Wie lassen sich auch an zwei psychischen Fronten noch Schlachten erfolgreich schlagen, wenn es bei einer Unternehmensgründung ja zunächst einmal um die Geschäftsidee geht? Muss nicht die innerbetriebliche Gesundheit zwangsweise zurückstecken, gerade auch in der Anlaufphase, wo mehr Zeit und oft Mangels Geld eben mehr, sogar viel mehr, Arbeit investiert werden muss?

Nö.


Lesen Sie den ganzen Blog Beitrag "Von der Gründung zum Burnout?" auf meiner Burnout-Berater Website.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Schlaflosigkeit und Stress in Deutschland

Die „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“
des Robert Koch Instituts


Ja, auch ich kenne den Totschlagspruch: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast“, und ich ignoriere ihn schon lange. Wer so spricht versteht nicht worum es bei Empirie und Stochastik geht oder will es nicht. Ja, ich kann meine Auswahl aus der Grundgesamtheit so gestalten und die Gruppierung der Erhebungsergebnisse so vornehmen, dass ein bestimmtes angestrebtes Bild unter gegebenen Rahmenbedingungen erzielt wird. Aber wo es keine Cluster (Gruppen) gibt, lassen sich schwerlich welche finden. Faktoranalysen scheitern oder aber sie liefern keine Ursachen und Einflussfaktoren auf Merkmale. Einflüsse wo keine sind, wird sie nicht belegen können. Die mir bekannteste Scheinkorrelation (Scheinzusammenhang) in der Psychologie im weitesten Sinne ist jene, zwischen der Selbstmordrate in den USA und der Dichte von Country-Musik Radiostationen: Je höher deren Dichte, desto höher die Selbstmordrate. Selbst wenn man wie ich kein Fan von Country Musik ist, so wird man ernstlich kaum einen Zusammenhang zwischen dieser und der Selbstmordrate herstellen wollen, auch wenn dieser statistisch gezeigt werden kann.

Der Totschlag-Spruch von eben, der auch dazu dient sich eben nicht mit harten Fakten befassen zu müssen, sollte korrekterweise lauten: „Glaube nie einer Datenerhebung und -auswertung, die Du nicht selbst hinterfragt und durchdacht hast.“ Nun wird hoffentlich niemand dem Robert Koch Institut unterstellen wollen es fälsche Daten und Statistiken. Und dies umso mehr, als die jetzt erschienenen ersten Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ nicht nur Grundlage vieler politischer Entscheidungen sein werden sondern eigentlich auch eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme darstellen. Die Studie ist ein Hinweis an uns alle, wie es in unserem Zusammenleben in Deutschland um die Volksgesundheit bestellt ist, ein Wort dass aus Gründen der politischen Korrektheit gerne als Public Health eingedeutscht wird. Ich bleibe bei Volksgesundheit. Das Wort beschreibt die Gesundheit aller in Deutschland und wird in der Übersetzung nicht zur „Öffentlichen Gesundheit“ der man vermeintlich eine „private Gesundheit“ gegenüber stellen könnte, ganz so als sei ein ungesunder öffentlicher Arbeitsplatz mit einem gesunden Privatleben zu kompensieren und so Krankheit zu vermeiden.
 
Krankheit selber ist im Übrigen nichts Ungesundes. Krankheit ist im Allgemeinen ein Mechanismus, eine Funktion, die das menschliche System (Körper, Geist oder beide zusammen) erfüllen muss, um fortbestehen zu können. Es wäre mehr als ungesund würden wir auf bestimmte Einflüsse von außen nicht mit Fieber reagieren. Auch Burnout kann in diesem Sinne als gesunde Reaktion des menschlichen Systems auf äußere Einflüsse begriffen werden. Burnout, so schlimm er sein mag (und ich habe ihn selbst durchlitten) ist eine gesunde Reaktion, die vor Schlimmerem bewahrt, dem Herzinfarkt, dem Hirnschlag oder dem Suizidversuch. Der Tod oder eine lebenslange Behinderung als deren Folge sind deutlich fataler, als ein zwischenzeitlicher Stillstand im Leben. Burnout ist also, wie eine fiebrige Grippe, die deutlich angenehmere Lösung der Natur zur Lösung eines ungesunden Zustandes. Denn so unangenehm zwei Wochen Krankenlager mit einer Infektion sein mögen - besser als an ihr zu versterben ist es Allemal!

Doch wozu dienen dann Depressionen und Schlaflosigkeit? Was soll es uns sagen wenn jeweils über 20 Prozent der Männer (22,3 Prozent) und Frauen (30,8 Prozent) in Deutschland mindestens dreimal die Woche an Schlafstörungen leiden? In Worten: Jeder vierte Mensch über 18 Jahren in Deutschland schläft in drei, vier, fünf, sechs oder sieben Nächten der Woche nicht ungestört durch. Ungestört heißt nicht gestört durch nächtlichen Fluglärm, feiernde Nachbarn, schutzsuchende Kinder mit Alptraum oder einen nächtlichen Liebesakt, sondern aus ihrer eigenen physischen und psychischen Konstitution heraus Drei von vier Menschen schlafen lediglich in ein oder zwei Nächten nicht ungestört oder schlafen durch.

Kann es gesund sein, wenn sich ein Volk um seine Nachtruhe bringt? Ist es gesund, wenn acht Prozent an Depressionen leiden und 4,5 Prozent angeben aktuell mit Burnoutsyndrom diagnostiziert zu sein?

Ich bin kein Arzt, kann also nicht medizinisch korrekt feststellen, dass es sich bei Schlaflosigkeit um eine körperlich oder seelisch / psychisch ungesunde Angelegenheit handelt. Ich will es der Einfachheit einmal annehmen, denn wieso sonst würde es Medikamente gegen Schlaflosigkeit geben, wenn dieser Zustand kurzfristig oder dauerhaft nicht die Gesundheit gefährden würde? Außerdem kann ich aus der Zeit vor meinem eigenen Burnout sagen, dass zwei Stunden Schlaf pro Nacht nicht ausreichen, um einer beruflichen Tätigkeit erfolgreich nachzugehen.
 
Aus Sicht der Betriebswirtschaftslehre will ich unbedingt festhalten, dass eine ausgeschlafene Mitarbeiterin oder eine ausgeschlafener Mitarbeiter eine Voraussetzung für funktionsfähige Prozesse und gute Prozessergebnisse ist. Welche schwerwiegenden Folgen mangelnder Schlaf haben kann, dass zeigen uns Unfälle von LKWs und Bussen auf Autobahnen und Landstraßen, die immer wieder auf übermüdete Fahrerinnen und Fahrer zurückzuführen sind. Und auch wenn Tippfehler im Jahr 2012 dank Computer, automatischer Rechtschreibkontrolle und Speichermöglichkeiten für Textdateien weniger fatal sein mögen als in den Zeiten von Kohledurchschlagpapier und Schreibmaschinen, so steigern sie nicht die Produktivität. Mangelnder Schlaf führt zu Unkonzentriertheit und Aufmerksamkeitsmangel, was im Kundenkontakt fatal sein kann. Dem heutigen Verständnis von Qualitätsmanagement und dem oft postulierten Ziel der Null-Fehler-Produktion entspricht es nicht, unausgeschlafene Menschen am Arbeitsplatz zu haben.

Bei Depressionen wird es schwieriger. Jeder Mensch durchläuft im Leben depressive Momente oder Phasen. Dem Gedanken folgend, dass diese einem insgesamt gesunden Zweck für das Gesamtsystem dienen, müssen wir sie von zwei Seiten aus betrachten. Eine Depression als verstärkte Traurigkeit kann helfen beispielsweise schneller mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig zu werden, wenn ihr der eigene Lebenswille entgegen tritt. In dieser Form ist eine vorübergehende Depression wie eine Wolke an einem klaren Sommerhimmel. Die Wolke vermag den Sonnenschein nicht wirklich zu trüben und wird vorüberziehen. Das ist gesund.

Kritisch wird es, wenn die Wolke nicht mehr weg geht und neue Wolken hinzukommen. Wolken werden zum Alltag, werden nicht mehr wirklich wahrgenommen, neue Wolken als selbstverständlich betrachtet und ihr Verbleib ist normaler Teil des Lebens. Bei allen anderen Wolken die aufzogen, war es ja auch so. Irgendwann aber verdeckt die letzte Wolke das letzte bisschen Sonnenschein, es wird dunkel und die tiefe Depression ist da. So in etwa kann man sich bildlich den Weg in eine Depression vorstellen. Der Weg dahin kann lang sein, der Umschwung unvermittelt durch eine besonders große Wolke kommen, oder sich ankündigen aber nicht beachtet werden.

In keinem Fall wird ein chronisch depressiver Mensch noch eine positive Energie ausstrahlen, seine Kolleginnen und Kollegen begeistern, inspirieren oder mitreißen. Eher kann angenommen werden, dass Arbeitsleistung und -disziplin nachlassen werden. In der falschen Annahme diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten keine produktive Leistung mehr erbringen, versuchen Vorgesetzte diese Menschen meist zu versetzen, in den Vorruhestand zu schicken oder aus dem Unternehmen zu entfernen. Mangels Selbsterkenntnis der Betroffenen und mangels Erkenntnis der Leitungspersonen kommt es im Unternehmen nicht zu einer Bewahrung und Wiederherstellung der Arbeitskraft. Kein Mensch der mir in meiner Zeit in der Klinik begegnet ist und der oder die an Depressionen erkrankt war, war unfähig oder unqualifiziert. Im Gegenteil: Es fanden sich zahlreiche hoch begabte Menschen darunter. In den wenigsten Fällen aber wartete auf diese nach der Gesundung noch der ehemalige Arbeitsplatz. Ein in vieler Hinsicht für Arbeitgeber unnötiger Verlust an Erfahrung und Arbeitskraft, der aber nirgendwo bilanziert und deswegen gerne übersehen wird (vgl. meinen BlogBeitrag zu Burnout als Bilanzposition).
 
Im globalen Wettbewerb müssen wir ausgeschlafen sein. Im globalen Wettbewerb sollten wir uns nicht durch einen Fall in tiefe Depressionen schwächen. Ebenso kann Burnout als Zustand des physischen und psychischen Stillstandes und absoluter Leere in einem Menschen nicht als Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz eingestuft werden. Was läuft schief in Sachen psychischer Volksgesundheit?


Lesen Sie den ganzen Blog "Schlaflosigkeit und Stress in Deutschland" auf www.burnout-unternehmensberatung.de